Ein Plädoyer für das Rechts(er)leben

Der Grundzug dieser Denkformen liegt darin, Angelegenheiten von Außen zu steuern. Diese Denkform ist in Prozessen wie der industriellen Herstellung von Gütern, der Logistik und Datenverarbeitung zuhause. Komplizierte Projekte werden mit diesem Denken geplant und zum vorgestellten Ziel geführt. Im Sozialen kommen wir mit dieser Denkform und der mit ihr verbundenen Gestimmtheit nicht an. Wir können uns Vorstellungen über das Soziale bilden, dazu, wie etwas sein sollte. Mit Vorstellungen stehen wir aber vor dem Sozialen, nicht in ihm. Wir haben genügend Erfahrungen damit gemacht, was bewirkt wird, wenn man Vorstellungen dazu, wie etwas sein soll, in das Soziale, in den Verkehr zwischen den Menschen „einführen“ will. Schlussendlich bedeutet das immer, Vorstellungen in andere Menschen einführen zu wollen.

Soziale Ordnung wird in den Verhältnissen zwischen Menschen ausgeprägt. Wir unterscheiden Rechtsverhältnisse von unseren sonstigen Verhältnissen und Beziehungen zu anderen Menschen. Mit dem Heranziehen von Rechtsnormen wird eine Verbindung und Verbindlichkeit mit einem oder mehreren anderen Menschen eingegangen. Man denke z.B. an einen Mietvertrag. Ich suche eine Wohnung zu mieten. Jemand bietet eine Wohnung zur Miete an. Im Fall des Zustandekommens „regeln“ wir unser Verhältnis auf der Grundlage des Mietrechts. Ein Rechtsverhältnis sehen wir so zunächst nur, wenn für die Beziehung eine vorhandene gesetzliche Norm herangezogen wird oder werden muss.

Den Rechtsgedanken verbinden wir heute vor allem mit Ansprüchen. Welche Rechte habe ich? Was steht mir zu? In vielen Angelegenheiten geht es um das Sichern oder Durchsetzen von „Interessen“, um das Herstellen eines Interessensausgleichs oder Vergleichs mit dem Gegenüber bzw. Gegner. (Eine Rechtsanwaltskanzlei kann entsprechend kundtun: „Sie wollen Ihr Recht? Es zu bekommen hängt nicht selten vom Einsatz Ihres Rechtsanwalts ab. Lassen Sie sich durch uns vertreten. Denn Sie sollen Ihr Recht bekommen!“). Diese Ausprägung erleben wir im Umgehen mit dem als Anspruchs- und Schuldrecht gefassten Zivilrecht. Wir sind es gewohnt, das „Recht“ im Blick auf die gesetzlichen Regelungen als formale, unlebendige, für das Zusammenleben und -wirken aber doch notwendige Angelegenheit zu betrachten. Das laufend komplizierter gewordene Rechtssystem kann in Theorie und Praxis nur noch von Experten gehandhabt werden. Und das Zustandekommen der Rechtsnormen (Gesetze) erleben wir weit von uns entfernt.

Wo führt uns diese Ausprägung des Rechtsdenkens und -erlebens hin? Es bringt mit sich, dass wir das Gestalten der sozialen Ordnung und Verhältnisse vom eigenen Rechtserleben trennen. Wir übersehen dann, dass Rechtsgestaltungen konkrete Formen und Strukturen im Raum zwischen uns sind. Sie machen im kleineren wie im größeren Zusammenhang die „handfesten“ sozialen Bedingungen für unsere und unserer Mitmenschen Biographien aus. Einerseits suchen und üben wir manches, um Kommunikation und persönliche Beziehung in offener Weise zu verbessern und zu gestalten. Andererseits ziehen wir Rechtsnormen in einer Weise von Außen heran, dass wir sie kaum als Gestaltung des Raumes zwischen uns wahrnehmen und uns nicht wirklich für sie verantwortlich fühlen (dafür gibt es ja Juristen). Als „Bürger“ finden wir uns dem „Staat“ gegenübergestellt, den wir in seiner Wirkensweise kaum selbst gestalten. Was ist denn der Staat als Rechtsstaat für uns? Was kann er sein? Was soll er sein?

Mir scheint, uns fehlt für das Ordnen der sozialen Verhältnisse zwischen uns eine wesentliche Möglichkeit, wenn wir nicht vorwärtsgehend neu erleben wollen, wie das Recht Form im Sozialen bildet. So spricht doch viel dafür oder auch davon, dass wir auf ein Erneuern und Verlebendigen des Rechts zwischen uns warten. Welche alt gewordenen Strukturen durch das tradierte Rechtsdenken entstanden und wirksam sind, das erleben wir täglich. Der Impuls für das „neue“ bzw. für ein aktuelles Recht zwischen uns lebt im Rechtsgefühl, das potentiell in jedem Menschen unabhängig von Bildung und Fähigkeiten wohnt. Was Menschen im Verhältnis zueinander gebührt, was als stimmig, tragfähig, ausgewogen und gerecht empfunden wird, dass erschließt sich im unmittelbaren Erleben und Empfinden von gegenwärtigen Verhältnissen, nicht durch moralische Wertvorstellungen und Urteilsbildungen. Das Rechtserleben zwischen uns braucht keine Fachexpertise – aber den Menschen. Entsteht menschliche Rechtsbeziehung nicht überall da, wo das Rechtsgefühl angesprochen wird und spricht?

Zuerst veröffentlicht in GEGENWART – Zeitschrift für Kultur, Wirtschaft und Politik Nr. 4 / 2020 (Schweiz)