Sozialimpuls und Zusammenarbeit

Welche Denkformen und Rechtsgewohnheiten bestimmen heute die soziale Wirklichkeit von Organisationen der Arbeitswelt? In welche Verhältnisse bringen sich beteiligte Menschen dadurch und welche Rückwirkungen haben diese Verhältnisse auf sie?

Der Begriff „Organisation“ wird heute wohl vor allem im Organisieren von äußerem Handeln erlebt. Wo in der Herstellung von Wirtschaftsgütern die Tätigkeiten vieler Beteiligter – durch Ziel- und Umsetzungsvorstellungen gelenkt – dem planmäßigen Entstehen eines eindeutig bestimmten Produkts dienen, da ist das nach Außen organisierende Denken notwendig. Besonders in komplizierten Projekten mit ausgefeilter Logistik und Datenverarbeitung leistet das funktionale Organisationsdenken seinen Dienst. Charakteristisch in diesen Aufgabenfeldern ist, dass die durchzuführenden Arbeitsprozesse objektiv beschrieben und in ihren Ergebnissen gemessen werden können. Es müssen nicht Menschen und deren persönliche Wirkensart beschrieben werden. Welche Menschen die einzelnen Tätigkeiten und Funktionen durchführen, das ist aus dieser Perspektive nicht von Bedeutung, solange sie über die an den entsprechenden Stellen notwendigen Fähigkeiten und Fertigkeiten verfügen. Der Einzelne ist in einen Funktionszusammenhang hineingestellt und leistet einen weitgehend festgelegten, für die betrieblichen Ergebnisse notwendigen Beitrag. Die Einzelbeiträge werden zusammengeführt. Zur Planung, Koordination und Steuerung der einzelnen Leistungen in der Gesamtorganisation sind übergeordnete Funktionen notwendig.

Anders zeigen sich die Aufgaben im Feld der „sozialen“ Arbeit. Hier wird die Arbeit unmittelbar für einen anderen Menschen vollzogen. Der Blick auf dieses Aufgabenfeld findet sich heute mehr oder weniger durch funktionale Denkformen verstellt. Sie werden in das Feld der sozialen Arbeit hineingetragen. Dies ist vor allem da der Fall, wo Handlungsweisen („Standards“) verbindlich festgelegt und beschrieben werden sollen, um auch in diesem Arbeitsfeld von der Subjektivität unabhängige „objektive“ Ergebnisse erzielen und darstellen zu können. Das scheint da angemessen, wo es um relativ „handfeste“ Eingriffe und Maßnahmen, z.B. der chirurgischen Medizin, geht. Wo aber die Lage und das Bedürfnis eines anderen Menschen nach einer persönlich-individuellen Antwort fragen, da führen objektive Vorabbestimmungen dessen, was zu tun ist, auf Abwege. Sie werden dem Wesen der Sache, welches hier das Wesen des anderen Menschen ist, nicht gerecht. Gleichwohl ist die Standardisierung der sozialen Arbeit in manchen Bereichen so weit fortgeschritten, dass man sich dem Verdacht aussetzt, sozialromantische oder gefährliche Vorstellungen zu hegen, wenn man nicht das Abrufen von vorgefertigten Denk- und Handlungsweisen, sondern das initiative Antwortfinden und -geben als eigentliche Aktivität sozialer Arbeit begreifen will. In der sozialen Arbeit zielt die Organisation auf den konkreten Menschen. Hier liegt das Ziel genau besehen allein in den Leistungen eines Einzelnen für einen Anderen. Der Anstoß und Impuls zu einer Leistung (und dann die Art und Weise derselben), entstehen hier – soll kein Automatismus aufgerufen werden – dadurch, dass ein Mensch einen anderen Mensch in seiner Lage wahrnimmt, empfindend zu verstehen sucht und die Idee einer Handlung ausgelöst wird. Eigentlich ist hier das tätig werden wollende Interesse am einzelnen Menschen „Gegenstand“ der Organisation. Werden funktionale Denk- und Organisationsformen in das Feld der sozialen Arbeit hineingetragen, so wird diese in der Weise unpersönlich, wie sie es in der normierten Herstellung von Produkten sein muss.

Welche Verhältnisse bringt die arbeitsrechtliche Denkform mit sich? Der „Arbeitgeber“ benötigt für die mit seiner Unternehmung verbundenen Zwecke und Aufgaben Arbeitskräfte. Er schließt mit den „Arbeitnehmern“ Arbeitsverträge. Der Arbeitnehmer schuldet dann dem Arbeitgeber die im Arbeitsvertrag bezeichnete Leistung und der Arbeitgeber schuldet dem Arbeitnehmer die dafür festgelegte Bezahlung. Der Arbeitnehmer unterliegt den Weisungen des Arbeitgebers über Inhalt, Durchführung, Zeit, Dauer und Ort der Tätigkeit. Die Arbeitnehmer sind „Erfüllungsgehilfen“ in der Verwirklichung der Unternehmenszwecke. Diese Figur ist mit der Industrialisierung als Realität im Arbeitsleben eindrücklich aufgerufen worden. Für den hier gesuchten Gedankengang ist es wichtig zu sehen, in welche Beziehungen sich beteiligte Menschen mit der arbeitsrechtlichen Denkform bringen. Auch in der sozialen Arbeit und den gemeinnützigen Einrichtungen entsteht mit dem Abschließen von Arbeitsverträgen ein entsprechender Vollzugszwang. Die Arbeitgeberfunktion wird aufgerufen. Sie wird in der Regel von Personen mit Leitungsfunktion übernommen, welche – wenn nicht ehrenamtlich – in der Regel selbst auf der Grundlage eines Arbeitsvertrages tätig sind. Das Umgehen mit „Leitung und Führung“ wird sich dabei kaum von der Vorgesetztenstimmung freihalten können. Angestelltenverhalten „ruft“ nach Leitungsverhalten und umgekehrt. „Struktur“ wird dabei vor allem als Über- und Unterordnung vorgestellt. Organigramme bilden das ab. Die dabei betonte Weisungsbefugnis zeigt die Verwandtschaft zu einem Grundzug militärisch-organisatorischen Denkens.

Perspektivwechsel
Im Folgenden wird die Aufmerksamkeit auf den Gestaltungsraum zu lenken gesucht, der in der sozialen Auseinandersetzung im Arbeitsfeld zwischen den beteiligten Menschen durch sie selbst aufgerufen wird.

Blau – Die soziale Geste im Bewusstseinsraum
Besprechungen und Konferenzen im Arbeitsfeld dienen überwiegend den laufenden Planungs- und Abstimmungserfordernissen. Tagesordnungspunkte werden besprochen und zu Ergebnissen und Beschlüssen geführt. Konsens wird gesucht. Es soll etwas Umsetzbares „dabei herauskommen“, die Besprechung „muss sich lohnen“. Wo dies nicht ausreichend gelingt, werden Sinn und Zweck der Konferenz in Frage gestellt. Dem gegenüber zielt, was im Folgenden als „Wahrnehmungsdialog“ angesprochen wird, in eine andere Richtung. Nicht Konsens und Beschluss sind das Ziel. Die Herausforderung ist, eine Angelegenheit im gemeinsamen Wahrnehmungs- und Erlebnisfeld aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten. Das Ziel ist die Beleuchtung, nicht ein bestimmtes Ergebnis derselben. So geht es nicht um ein Festhalten von Aussagen, sondern um das Hören und das „Gespräch“ dessen, wie die Einzelnen wahrnehmen und denken, – was auf diese Weise im Raum ist. In diesem Sinn entsteht erst, was „Gegenstand“ im Wahrnehmungsdialog wird. Ein Empfinden der gemeinsamen Situation kann sich einstellen, auch als Grundlage für individuelle Entscheidungen und gemeinsame Beschlüsse. Die hier umschriebene Sozialaktivität im Bewusstseinsraum läuft der Gewohnheit zuwider, das Denken und Sprechen sofort mit dem den Drang zu Beschluss und Aktion zu verknüpfen. Schon die einfache und dann doch nicht einfache Angelegenheit, sich in einer Arbeitsgemeinschaft gegenseitig im Bild zu halten, ist wesentlich. Wie kann im Bewusstsein des Einzelnen ein Bild des Ganzen (der Gemeinschaft) entstehen und leben, wenn er nicht hören kann, welche Erfahrungen die Anderen machen? In funktional-arbeitsrechtlich veranlagten Organisationen zeigt sich das oft mehr behindert, als man glauben möchte. Da man das Informieren und das Organisieren von Information hier zuerst als (strategische) Leitungsaufgabe auffasst, wird es von dieser Warte aus in der Regel mit Absichten verknüpft, absichtsvoll getan oder unterlassen. So kommen die notwendige Belichtung und Transparenz nicht selten zu kurz. In einem sozialen Gefüge dieser Art ergibt es sich leicht, dass man nicht mehr ohne weiteres offen aus der eigenen Erfahrung sprechen kann oder will.
Es ist heute im Feld der sozialen Arbeit weit verbreitet, das Aufgabenverständnis, von dem eine handlungsleitende Maßgabe für die Arbeitsergebnisse erwartet wird, schriftlich zu fixieren, um es normativ kollektiv verbindlich zu machen. Mit der Idee des Wahrnehmungsdialogs wird von einer anderen Grundannahme ausgegangen: ein Aufgabenverständnis kann nicht beschlossen, vereinbart oder durchgesetzt werden. Man kann es sich gegenseitig bewusst machen wollen. Was wird (als Aufgabe) wahrgenommen? Wie wird das aufgefasst? Welche Handlungs- und Gestaltungsabsichten entstehen daraus?

Rot – Die soziale Geste im Handlungsraum
Die Aufmerksamkeit wird auf das Handeln (rot) und dessen Wirkungen und Folgen gerichtet, nicht auf die Vorstellungen (blau), welche es lenken und begleiten. Es handelt immer der einzelne Mensch. Einen Eindruck vom handelnden Menschen bekommt man erst, wenn er handelt. Bei jedem Menschen zeigt das Handeln eine andere Gestalt und Wirksamkeit. Sein Handeln zeitigt Wirkungen, verändert etwas, hinterlässt Spuren, hat Folgen, auch für andere. Ruft der handelnde Mensch nicht in besonderer Weise eine Vertrauensfrage auf? Wem vertraut man welche Aufgaben an? Wem vertraue ich eine Aufgabe an? Vertraue ich dem Anderen in seinem Handeln? Wer ist der Andere?
Die sozialen Gesten unterscheiden sich: Im Wahrnehmungsdialog (blau) schafft man sich im Sprechen und Hören gegenseitig einen Raum für das öffentliche Denken. Im Feld der Handlungswirklichkeit (rot) wird einem Einzelnen durch das in ihn gesetzte Vertrauen ein Verantwortungs-Raum eröffnet, den er sich so nicht selbst geben kann. Der und die Anderen wollen, dass er tätig wird. Seine Art zu Handeln will bejaht und mitgetragen werden. In den persönlichen Verantwortungsraum wird nicht hineingesprochen. Eingriffe sind tabu. Der Verantwortungsträger ist der Entscheidungsbefugte und -gefragte, der „Hierarch“ in diesem Raum, solange das Vertrauen Bestand hat. Wenn es verloren geht, wird eine andere (soziale) Wirklichkeit berührt, als die der Schwierigkeiten im Umgehen mit Sympathien und Antipathien und der Auseinandersetzungen mit unterschiedlichen Vorstellungen.
Menschen handeln, nicht Organisationen. Durch das Handeln der Einzelnen wird der Zweck der Unternehmung oder Arbeitsgemeinschaft verwirklicht. Zwischen den Handelnden gibt es operative Absprachen und Verabredungen. Dem Handeln muss die Abstraktion zuwider sein.

Weiß – Die soziale Geste im Beziehungsraum
Mit „Blau“ und „Rot“ werden Beziehungsgesten angesprochen, die dem denkenden und dem handelnden Menschen Raum schaffen wollen. Im „Weiß“ tritt die Beziehungsfrage selbst in den Vordergrund. Wie sind Beziehungen, die wir im Zusammenwirken herstellen, nicht zwangsläufig, sondern freiwillig? Welche Verhältnisse ergeben sich zwischen uns, so wie wir uns mit unserem je eigenen Vermögen erleben und begegnen? Wie verbinden wir uns? Wie werden wir uns gerecht? Wir finden tragfähige Strukturen für das Zusammenwirken, wenn wir für voll nehmen, wie wir heute als Persönlichkeiten durch das Denken, Fühlen und Wollen wirksam werden. Stimmige Vereinbarungen lassen sich nur unmittelbar zwischen den Beteiligten herstellen. Mit dem Rechtsempfinden können sie austariert werden. In jeder Organisation können mit einem aktiven Vereinbaren die Verhältnisse der Zusammenarbeit ergriffen und gestaltet werden. Der Weg dahin wird geebnet, wenn sich die Beteiligten gegenseitig in den Intentionen, Verpflichtungen und in der Reichweite ihres Handelns wahrnehmen. Rollen können dann abgelöst von traditionellen Rollenbildern aktiv zwischen den Beteiligten entwickelt werden .

Ausblick und Motivation
Für die Sozialgestaltung scheint mir die Unterscheidung der aus dem Menschen kommenden und den Sozialraum gliedernden Wirksamkeit notwendig. Mit dem Unterscheiden der Farben Blau – Weiß – Rot habe ich dies anzusprechen und das Gestalten entsprechender Aufmerksamkeit anzuregen gesucht. Wo diese fehlt und Vermischungen und Verwechslungen geschehen, wird Wirksamkeit behindert. Dies hat in der Zusammenarbeit Orientierungsschwäche, Unverbindlichkeit, konfliktäre Spannungen und Initiativarmut zur Folge. Im gemeinsamen Arbeitsfeld kann Blau – Weiß – Rot als eine Art Unterscheidungs-Kompass genutzt werden.

Initiative kann man nicht ausdenken oder vereinbaren.
Man kann sie ergreifen oder ihr Raum geben wollen.

Ein Aufgabenverständnis kann man nicht vereinbaren oder durchsetzen.
Man kann sich verständigen wollen: was man sieht und tut und warum man es tut.

Eine Vereinbarung kann man nicht ausdenken oder durchsetzen.
Man kann sie als Form einer Verbindung eingehen wollen.