In welcher Gesellschaft wollen wir leben?

Es sind immer noch funktionale und zweckorientierte Denkweisen, mit denen soziale Ordnung konstruiert und zu einem System gemacht wird. (Einerseits das System, andererseits Wildwuchs, der sich dem System entzieht). Nur schwer veränderbar erscheint, in was wir uns da gebunden sehen. Wir sehen uns einem Übermaß an Gesetzen und Verordnungen gegenüber, die oft nur für den Juristen verständlich sind, von denen wir uns fernhalten. Auch die Art und Weise, wie sie an das Parteiwesen gebunden zustande kommen, entfernt uns von ihnen. Hinzu kommt, dass wir als „Recht“ immer noch vor allem die aus Zeiten des römischen Rechts überkommenen Anspruchs- und Schuldverhältnisse (Zivilrecht) auffassen. Um „Recht zu bekommen“ benötigt man ggf. die Unterstützung des Rechtsanwalts.
Auf diese Weise halten wir eine soziale Ordnung aufrecht, die wir wohl nur eingeschränkt wertschätzen und nicht wirklich als unsere erfahren können. Wahrscheinlich machen wir uns nicht ausreichend bewusst, dass soziale Ordnung und Rechtsordnung nicht zweierlei sind. Rechtsverhältnisse sind Verhältnisse zwischen uns. Mit dem Recht werden soziale Strukturen und Formen erzeugt und mit ihnen soziale Verhältnisse zwischen den Menschen. Erzeugen wir die soziale Ordnung, die wir als veränderungsbedürftig erleben, besonders durch die Art, wie wir das Recht und als was wir das Recht „aufrufen“?

Wir sind gewohnt, uns allein da in einem Rechtsverhältnis zu sehen, wo wir auf der Grundlage von Gesetzen und Regelungen „rechtswirksame“ Verpflichtungen eingehen (zum Beispiel bei einem Arbeits- oder einem Mietverhältnis). Es lebt in uns etwas, das darüber hinausweist: das Rechtsempfinden und das mit ihm verbundene Rechtsgefühl. Sie äußern sich auch unabhängig von Gesetzen und Regelungen und – unabhängig von Wissen und anderen Fähigkeiten. Wo Unrecht und Ungerechtigkeit, Taktlosigkeit, mangelnde Fairness (Anständigkeit) und Unausgewogenheit empfunden werden, entzünden sie sich und sprechen auf ihre Weise vom Verhältnis zwischen Menschen.

Wo bin ich im Rechtsgefühl, im Gefühl der Gerechtigkeit? Ich bin da weder nur bei mir selbst, noch allein beim anderen. Das einem anderen zugefügte Unrecht erlebe ich in meinem Gefühl als ein Verletzung meiner eigenen Sphäre. Das Erleben von Unrecht ist keine subjektive Konstruktion. Offenbar lebt in uns ein feines Sensorium für etwas, das wir Gerechtigkeit nennen. Wir empfinden sie bzw. ihre Gefährdung oder ihren Mangel unmittelbar. Gleichwohl entzieht sich, was wir als Gerechtigkeit fühlen, der Definition. Leben wir nicht überall da in einem „Rechtsverhältnis“, wo das Rechtsempfinden und -gefühl berührt werden?

(veröffentlicht in der Monatsschrift „Die Christengemeinschaft“ 3 / 2020; dort mit einer Ergänzung das religiöse Leben betreffend)